
Foto: Jutta Günther
„Die Farbe des Schattens“ ist erst der zweite Kriminalroman von Susanne Tägder, und auch er ist – wie ihr erster Krimi – gleich auf der Krimibestenliste gelandet. Mit Recht?
West-Kommissar ermittelt kurz nach der Wende im Osten
Dass gleich die ersten beiden Kriminalromane einer Autorin so überzeugend sind, so stimmig in Handlung, Tonfall, Sound, Figurenführung, Dramaturgie, politisch-gesellschaftlichem Hintergrund, das ist bemerkenswert. Tägder hatte im vergangenen Jahr ihr Krimidebut „Das Schweigen des Wassers“ veröffentlicht , dafür erhielt sie den Wittwer-Thalia-Debütkrimipreis, und sie war für den Glauser-Preis in der Sparte Debüt nominiert.
Hauptfigur in beiden Bänden ist Kommissar Arno Groth, der mehr oder weniger gegen seinen Willen aus Hamburg in die fiktive Kleinstadt Wechtershagen in Mecklenburg umgesiedelt worden ist, der Clou: dort ist er selbst aufgewachsen. Natürlich hat dort niemand auf ihn gewartet. Im Gegenteil: Die Kollegen blicken ihm mit großem Misstrauen entgegen, einer aus dem Westen, der ihnen zeigen soll, wie sie ihre Arbeit zu machen haben?!
„Die Farbe des Schattens“ spielt im Winter 1992, ein elfjähriger Junge ist verschwunden; die Ermittler stoßen auf jede Menge Schweigen, Distanz und Misstrauen. Immer knapp und fokussiert, schnörkellos und treffsicher bringt Tägder die damalige Atmosphäre auf den Punkt - Arbeitslosigkeit , Verunsicherung, Enttäuschung. Neonazis.
Man könnte meinen, Susanne Tägder sei in Mecklenburg aufgewachsen, so genau schildert sie Ort und Menschen in dieser Zeit, in der die Euphorie über den Mauerfall der Desillusionierung wich. Tägder ist aber in Heidelberg geboren und aufgewachsen. Der Grund liegt in ihrer Biographie:
Ihr Vater ist 1959 aus der DDR in die BRD gekommen, Ihre Mutter 1961, und zwar am Tag des Mauerbaus.
Sie sei „in einem Mecklenburgischen Haushalt in Heidelberg aufgewachsen“, sagt Tägder. Seit Besuche von Geflüchteten in der DDR erlaubt waren, seien ihre Eltern und sie regelmässig bei den Verwandten in Mecklenburg gewesen; sie habe damals Gerüche, Gefühle, Atmosphären gespeichert und nun beim Schreiben wieder abrufen können. Angereichert durch sorgfältige Recherche.
Autorin aus dem Westen versteht den Osten
Tägder hat in Heidelberg und den USA Jura studiert. Sie hat als Anwältin und Richterin am Sozialgericht gearbeitet, bevor sie mit ihrer Familie in die USA zog.

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